Eine kleine Geschichte Jerusalems
Jerusalem (hebr. Jeruschalajim; arab. al-Quds) – eine Stadt, deren Name wie kaum eine andere Widerhall in der Menschheitsgeschichte findet – scheint förmlich Geschichte zu atmen. Wer sich in die engen Gassen der Altstadt begibt, vernimmt mit jedem Schritt auf den jahrtausendealten Pflastern das murmelnde Flüstern vergangener Zeiten.
Von der Steinzeit bis zur Bibel
Jerusalem ist seit mindestens 3900 Jahren fortwährend besiedelt und damit eine der ältesten Städte der Welt. Vor etwa 3000 Jahren soll der biblische König David die Stadt von den Jebusitern erobert und zur Hauptstadt seines vereinigten israelitischen Königreichs gemacht haben. Diese Eroberung war nur möglich, weil die Israeliten die Schwäche Ägyptens und Mesopotamiens – der damaligen Hegemonialmächte – ausgenutzt haben. Unabhängige Staatengebilde konnten auf der geopolitisch bedeutsamen Landbrücke zwischen Afrika und Eurasien immer nur dann entstehen, wenn die großen Weltreiche schwach waren. Diese Faustregel hat bis zur Gegenwart Gültigkeit: Der Staat Israel konnte nur entstehen, weil das mächtige osmanische Reich schon zerfallen und das Ende des Britischen Empires nahte. Nach der Eroberung der Stadt führte König David den Dynastiegott Jahwe in seiner neuen Hauptstadt ein. Der erste Tempel, den König Salomo erbauen ließ, soll in seinem Allerheiligsten den Tempelschatz und die Bundeslade beherbergt haben. Im Jahr 586 v. Chr. zerstörten die Babylonier den Salomonischen Tempel. Der Bau des zweiten Tempels begann vermutlich im Jahr 520 v. Chr.
Römisches Jerusalem
Im Jahr 37. v. Chr. eroberten die Römer Jerusalem und ernannten den Idumäer Herodes zum König Judäas. Unter der Herrschaft von Herodes (37-4 v. Chr.) erfuhr Jerusalem als Teil des römischen Reichs eine Blütezeit und wurde laut Plinius dem Älteren dank Herodes beachtlicher Bauprojekte zur „berühmtesten Stadt im Morgenland”. Eines dieser Bauprojekte war der Ausbau des Tempelbezirks. Im Jahr 8 v. Chr. konnten bis zu 300.000 Menschen auf dem Vorhof des Bezirks Platz finden – der Tempel selbst war bis zu 57 Meter hoch. „Auf allen Seiten mit schweren goldenen Platten bekleidet, schimmerte der Tempel bei Sonnenaufgang im hellsten Feuerglanz und blendete das Auge gleich den Strahlen des Tagesgestirns”, schrieb der Zeitzeuge Josephus Flavius (37-100 n. Chr.). Der Tempel war das gesellschaftliche und wirtschaftliche Herz Jerusalems und des jüdischen Volkes. Nach dem Ende der Herrschaft Herodes installierten die Römer Präfekten, die – wie Quintilius Varus, der später den Germanen unter Arminius im Teutoburger Wald unterliegen sollte – die Bevölkerung grausam unterdrückten, um sich selbst zu bereichern. Aus den Spannungen mit den Römern gingen zahlreiche messianische Bewegungen hervor, aus denen sich später auch das Christentum entwickeln sollte. Im Jahr 70 n. Chr. zerstörten die Römer den zweiten Tempel im Wege der Niederschlagung des Zelotenaufstands.
Die Klagemauer
Nach der Zerstörung des zweiten Tempels wurde die westliche Stützmauer des Vorhofes zum Heiligtum, weil sie dem Allerheiligsten – das sich im Tempel befand – am nächsten ist. Hier beklagten die Menschen jüdischen Glaubens ihr Schicksal vor den schadenfrohen Augen der Christen, die die Zerstörung der Tempels als göttliche Strafe interpretierten. Deshalb ist das Heiligtum heute im deutschsprachigen Raum als „Klagemauer” bekannt. Im Englischen ist die Bezeichnung “Western Wall” (dt. Westmauer) gebräuchlich. Bis zum Sechs-Tage-Krieg im Jahr 1967 spielte die Klagemauer im israelischen Alltag nur eine Nebenrolle. Dies änderte sich aber mit der Eroberung der Jerusalemer Altstadt durch die israelischen Streitkräfte am 07. Juni 1967. An diesem Tag brach in Israel Begeisterung über die Eroberung des Heiligtums aus. Manche sahen in dem erfolgreichen Feldzug einen göttlichen Fingerzeig: Die Dauer des Krieges wurde der biblischen Erschaffung der Welt gleichgestellt. Bis heute ist die Klagemauer wichtiges Symbol des Staates Israel.
Die Grabeskirche
Die zentrale Rolle Jerusalems für die christliche Welt ist eng mit Jesus von Nazareth verknüpft. Im Jahr 326 n. Chr. pilgerte die Mutter Kaiser Konstantins im Alter von 76 Jahren nach Jerusalem und veranlasste dort den Bau der Grabeskirche über dem vermeintlichen Grab Christi. Zuvor hatte Kaiser Konstantin die Dominanz des Christentums im römischen Kaiserreich durch die „konstantinische Wende” etabliert (313 n. Chr.). Die prachtvolle konstantinische Kathedrale, die im Jahr 335 n. Chr. eingeweiht wurde, ist 1009 n. Chr. durch den fatimidischen Kalifen al-Hakim bi-Amr Allah (996-1021) zerstört worden. Dieser Affront gegen die christliche Welt sollte Konsequenzen haben: als rund 90 Jahre später im Konzil von Clermont zum ersten Kreuzzug aufgerufen wurde, war Vergeltung für die Zerstörung des Baus einer der angeführten Gründe für den Feldzug. Heute erheben sechs christliche Gemeinschaften Anspruch auf die Grabeskirche (Griechisch-Orthodoxe, Armenier, die römisch-katholischen Franziskaner, Kopten, Syrer und Äthiopier), die nur noch ein trauriger Abklatsch der ursprünglichen konstantinischen Kathedrale ist.
Der Haram asch-Scharif
Jerusalem gilt für Muslime nach Mekka und Medina als drittheiligster Ort auf Erden. Jerusalem mobilisiert in der gesamten islamischen Welt die Massen. Dies ist umso erstaunlicher, als dass Jerusalem im Koran nicht erwähnt wird. Die zentrale Rolle der Stadt für den Islam leitet sich aus der Überlieferung der wundersamen Nachtreise Mohammeds („al-Isra”) ab. Hiernach ritt Mohammed auf dem Fabelwesen al-Buraq in einer Nacht von Mekka nach Jerusalem und stieg von dort aus in den Himmel auf. Über dem vermeintlich letzen Berührungspunkt, dem sog. Schöpfungsstein, der sich an der Stelle des zweiten jüdischen Tempels befindet, ließ der Kalif Abd-al-Malik (646-705) den Felsendom (von 691) errichten. Der Haram asch-Scharif bezeichnet das Areal des Tempelberges, auf dem heute der Felsendom und die al-Aqsa-Moschee (von 709) stehen. Mit der Errichtung beider Bauwerke festigte Abd-al-Malik seine politische Herrschaft: Da er weder Mekka noch Medina beherrschte, schuf er kurzerhand für Jerusalem – seinem Herrschaftsgebiet – einen islamischen Sonderstatus.
Die Kreuzzüge
Jerusalem stand als Teil des byzantinischen Reiches unter christlicher Herrschaft, bis die Muslime im Jahr 638 n. Chr. die Stadt eroberten. Nachdem das byzantinische Reich im 11. Jahrhundert an seiner Ostgrenze zunehmend weiter unter Druck geriet, entsandte Kaiser Alexios I. von Byzanz im Jahr 1095 eine Abordnung an Papst Urban II. mit der Bitte, er möge sich für christliche Militärhilfe einsetzen. Die Wiederherstellung christlicher Herrschaft in Jerusalem war dabei ein zentrales Argument. Das vom Papst Urban II. einberufene Konzil von Clermont vom 27. November 1095 und das Motto „Deus lo vult!” (Gott will es!) löste in Europa eine von religiösem Eifer getragene Massenbewegung aus. Von rund 100.000 Kreuzrittern erreichte jeder fünfte im Jahr 1099 die Tore Jerusalems. Fünf Wochen belagerten 12- bis 15-Tausend Kreuzritter ab Juni 1099 Jerusalem. Einen Monat später eroberten die Kreuzritter die Stadt und massakrierten in einer Woche etwa 30- bis 50-Tausend Muslime und Juden. Die Herrschaft der Kreuzritter in Jerusalem währte knapp 100 Jahre. Im Jahr 1260 geriet die Stadt endgültig wieder unter muslimische Herrschaft.
Die geteilte Stadt – der Nahostkonflikt
Jerusalem stand bis 1917 unter osmanischer Herrschaft und wurde bis 1947 als Teil des Mandatsgebiets Palästina von den Briten verwaltet. 1948 wurde Jerusalem im israelischen Unabhängigkeitskrieg in einen israelischen Westteil und einen jordanischen Ostteil getrennt. Im Jahr 1967 eroberten die Israelis die Stadt im Zuge des Sechs-Tage-Kriegs. Bis heute ist v.a. die Jerusalemer Altstadt Kulminationspunkt der Auseinandersetzung zwischen Israelis, Palästinensern und panarabischen Islamisten.