Jeder aufmerksame Leser des Romans „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" wird finden, dass der tiefste, immer wieder durchbrechende Drang von Proust der Folgende ist: Aus dem Zeitlichen in das Überzeitliche, aus dem Vergänglichen in das Dauernde, aus der Welt des Werdens in die des ruhenden Seins hinüberzutreten. Proust spricht einmal von der Melancholie, die unausweichlich mit all dem verknüpft sei, „was sich in der Zeit verwirklicht". Es ist eine metaphysische Traurigkeit, ein Leiden nicht an einzelnen Inhalten oder Notwendigkeiten der menschlichen Existenz, sondern an ihrer Form, an der Zeitlichkeit selbst.

Eine Fotografie ist ein Abbild für einen Ausschnitt einer gelebten und vergangenen Zeit. Ein Erinnerungsbild, das auftaucht und helfen kann, den Gefühlston eines Augenblicks in ursprünglicher Frische zu reproduzieren oder einen Bezirk des Vergessens zu erleuchten, der eine längst entschwundene oder verblasste Erinnerung erhellt. Für einen an der Fotografie Unbeteiligten mag das Betrachten einer solchen wie ein Fenster, eine Laterna magica zu einem anderen Leben, einer anderen Zeit sein. Eine solche Wirkung der Fotografie kann das Geschehene zwar nicht in das Überzeitliche, einen Schatten des Vergänglichen aber in das Dauernde überführen.

Zu den schönsten Fotografien, die ich von meiner Mutter kenne, gehören die in diesem Bildbang versammelten Fotos. Wer dieses Buch durchblättert, wird – so meine Hoffnung – in gleicher Weise wie ich von den Fotos berührt. Denn nicht zuletzt steht jedes dieser Bilder nicht nur für einen Ausschnitt aus dem Leben meiner Mutter, sondern in gleicher Weise allegorisch für Wünsche und Sehnsüchte, die sich im Verlauf der Jahrzehnte kaum verändert haben.

Julian Jakob Strauß

70 Seiten, 29 Abbildungen

Innenseiten: Fotopapier matt
Cover: matt, unwattiert
21 x 28 cm
Deutsch