Der operative Konstruktivismus – Teil I

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Der operative Konstruktivismus geht als Erkenntnistheorie von der Prämisse aus, dass das Bewusstsein im Netzwerk seiner eigenen rekursiven Operationen (seinen Gedanken) ohne Kontakt mit der Umwelt eingeschlossen ist.[1] Es ist also weder ein Durchgriff in die Umwelt möglich, noch können Umweltsysteme an den Operationen des Bewusstseins teilhaben.[2] Gedanken können also weder Dinge aus der Umwelt berühren, noch kann ein Bewusstsein in die Gedankenw­­­elt eines anderen Bewusstsein eintreten.[3] Operativ geschlossene Systeme – wie das Bewusstsein – können lediglich durch strukturelle Kopplung aufeinander einwirken, indem sie durch autonome Reaktionen auf erfahrene Irritationen entsprechend ihres Operationsmodus eigene Strukturen respezifizieren.[4] Sowohl Organismus als auch Kommunikationssystem(e) sind relevante Umwelten für das Bewusstsein, die dessen Entwicklung beeinflussen, indem sie für Irritationen (=Störungen/Anregungen/Pertubationen) sorgen.[5] So ist das Bewusstsein bspw. auf die Sensoren (=Sinnesorgane) des Organismus angewiesen, sodass deren Sensibilität die Wahrnehmungsmöglichkeiten des Bewusstseins begrenzen.[6] Der Organismus ist folglich das Medium, das extrakorporale Ereignisse mit der Wahrnehmung des Bewusstseins verbindet.[7] Bewusstsein und Organismus irritieren sich als strukturell gekoppelte Systeme gegenseitig, wobei immer nur eine Selektion aus der Variation der durch Irritationen ausgelösten psychischen bzw. physiologischen Ereignisse und Prozesse mit Veränderungen im jeweils anderen System einhergeht. Da Bewusstseinssysteme aufgrund operativer Schließung füreinander unzugänglich sind, ist für die Koordination der Aktionen unterschiedlicher Akteure Kommunikation not­wen­dig. Ein Kommunikationssystem – ebenfalls ein operativ geschlossenes und sich selbst reproduzierendes System – entsteht, wenn mehrere (mindestens zwei) Organismen so gekoppelt werden, dass sie füreinander relevante Umwelten bilden, d.h., dass sie sich in der Interaktion miteinander gegenseitig irritieren.[8] Kommunikation ist die Synthese aus Information, Mitteilung und Verstehen.[9] Das Bewusstsein nutzt die im Kommunikationssystem gebrauchten Modalitäten des Bezeichnens – z.B. sprachliche Zeichensysteme oder auch andere Symbole –, um sein individuell vollzogenes Unterscheiden zu bezeichnen, und gibt damit den im jeweiligen Kommunikationssystem gebrauchten Zeichen seine individuelle Bedeutung.[10] Die Koordination des Verhaltens mehrerer Akteure gelingt, wenn die individuelle Zuschreibung von Bedeutung/Sinn zu den verwendeten Zeichen hinreichend ähnlich ist und ihr Gebrauch zueinander passt – was sich darin erweist, dass die Koordination ihres Verhaltens aus der Sicht der beteiligten Akteure gelingt.[11] Was Bewusstsein und Kommunikationssystem verbindet, ist, dass beide Systeme Sinn prozessieren bzw. sich im Medium Sinn formen.[12] Der sich verhaltene Organismus ist dabei das Medium der Kopplung von Bewusstsein und Kommunikationssystem. Bewusstseinssysteme können sich an mehrere unterschiedliche Kommunikationssysteme koppeln, wozu sie die Fähigkeit des Unterscheidens der Kontexte (=Kontextmarkierung) besitzen und die Anpassung an die jeweils unterschiedlichen Muster des Zeichengebrauchs bewältigen müssen (=polykontexturale Kompetenz).[13]

Maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des operativen Konstruktivismus hatte Heinz von Foerster und das von ihm beschriebene Prinzip der undifferenzierten Codierung. Nach diesem Prinzip codieren Nervenzellen lediglich die Quantität (die Intensität) eines Sinnesreizes, nicht aber dessen Qualität (dessen physikalische Natur).[14] So verursacht bspw. die Absorption elektromagnetischer Strahlung durch eine lichtempfindliche Rezeptorzelle in der Retina des Auges eine Veränderung des elektromagne­tisch­en Potentials des Stäbchens, die schließlich eine periodische elektrische Entladung in Zellen auf einer höheren Ebene des postretinalen Netzwerks verursacht.[15] Diese Entladung wiederum entspricht einer Periodizität, die der Intensität der absorbierten Strahlung proportional ist, die aber kein An­zeichen dafür enthält, dass es elektromagnetische Strahlung war, die das Stäbchen zu feuern veranlasste.[16] Das gleiche Prinzip gilt für jeden anderen sensorischen Rezeptor von Sinnesorganen.[17] Die nach den Sinnen unterschiedene Wahrnehmung basiert demnach auf einer internen Interpretation undifferenzierter externer Reize.[18] In der Umwelt eines kognitiven Systems „gibt es nämlich in der Tat weder Licht noch Farben, sondern lediglich elektromagnetische Wellen; „da draußen“ gibt es weder Klänge noch Musik, sondern lediglich periodische Druckwellen der Luft; „da draußen“ gibt es keine Wärme und keine Kälte, sondern nur bewegte Moleküle mit größerer oder geringerer durchschnittlicher kinetischer Energie usw. Und schließlich gibt es „da draußen“ sicherlich keinen Schmerz.“[19]

Aus diesen bisher dargestellten Prämissen zieht der operative Konstruktivismus den Schluss, dass die wahrgenommene Realität nichts anderes ist als die Gesamtheit der Eigenwerte neurophysiologischer Operationen.[20] Das Gehirn richtet die Differenz zwischen Bewusstsein und Umwelt ein, indem es die konstituierende Ausgangsunterscheidung von System und Umwelt in sich selbst wiedereinführt (sog. re-entry) und so die eigenen gedanklichen Operationen strukturiert. Das Bewusstsein korrigiert deshalb die operative Geschlossenheit durch die operativ nach wie vor interne Un­terscheidung von innen und außen, von Selbst- und Fremd­referenz.[21] Das Be­wusstsein als Be­obachter ist deshalb die Einheit der Differenz aus Selbst- und Fremdreferenz. Diese Unterscheidung ermöglicht es Bewusstseinssystemen, sich selbst zu beobachten, Gegenstände in der Außenwelt zu ontologisieren und beim Kommunizieren zwischen sich und anderen Akteuren zu unterscheiden. Da das menschliche Gehirn die Eigenleistung seiner Realitätskonstruktion unterdrückt und unbewusst lässt[22], operieren Bewusstseinssysteme unter der Illusion eines Umweltkontakts[23].

Es ist wichtig zu betonen, dass der operative Konstruktivismus lediglich postuliert, dass die Außenwelt Bewusstseinssystemen kognitiv unzugänglich ist, aber keineswegs bestreitet, dass es eine Außenwelt und darin existierende Umweltsysteme und Realobjekte gibt. Das einzig reale für ein Bewusstsein ist aber stets der rekursive Zusammenhang der eigenen Operationen. Jede Feststellung von Realität beruht deshalb auf der Erfahrung eines Widerstands des Systems gegen sich selbst.[24] Die kognitiv unzugängliche Außenwelt spielt also keine positive Rolle in der Führung von Erkenntnis; ihr kommt aber eine negative Rolle in der Diskriminierung der akzeptablen Ergebnisse zu.[25] So wie das Passen eines Schlüssels in ein Schloss keine positive Beschreibung des Schlosses liefert, aber Nicht-passen dazu führt, den falschen Schlüssel zu beseitigen, so wissen Bewusstseinssysteme aufgrund von Kompatibilitätsrelationen, was die Außenwelt nicht ist.[26] Die Anwendung rekursiver Operationen auf die Ergebnisse vorheriger Operationen führt außerdem zur Kristallisation relativ stabiler Zustände, die in den folgenden Operationen vorausgesetzt werden und deren Bewegungsfreiheit beschränken.[27] Auf diese Weise können relativ stabile Zustände erreicht werden.

Jede Erkenntnis (=Beobachtung=unterscheidende Bezeichnung) ist auf dem Boden des operativen Konstruktivismus relativ zu den Kategorien eines bestimmten Beobachters (=Bewusstseins- oder Kommunikations­sys­tem). Oder kürzer formuliert: jede Erkenntnis ist beobachterrelativ. Wenn einmal die Beziehung auf eine letzte Realität als Garant der Stabilität und Angemessenheit der Erkenntnis verworfen worden ist, steht kein Fixpunkt zur Verfügung, der endgültige Behauptungen ermöglicht.[28] Es gibt keinen letzten Beobachter, der die Wahrheit kennt.[29] Der operative Konstruktivismus löst sich also in ein Netzwerk von Beobachtungen auf, die die kognitiv unzugängliche Außenwelt nicht widerspiegeln, aber trotzdem extrem selektiven Bedingungen unterliegen, sich selbst regulieren und geordnete Zustände produzieren, die mit der Außenwelt kompatibel sind.[30] Der Verlust einer unabhängigen Referenz wird auf dem Boden des operativen Konstruktivismus aber keine negative Konnotation zugeschrieben.[31] Vielmehr sind die Operationen, die die Realobjekte konstruieren, genauso real wie die Objekte selbst.[32]

Während klassische Erkenntnistheorien der Frage nachgingen, wie Erkenntnis möglich ist, obwohl sie keinen von ihr unabhängigen Zugang zur Realität hat, stellt der operative Konstruktivismus fest, dass Erkenntnis nur möglich ist, weil sie keinen von ihr unabhängigen Zugang zur Außenwelt hat. Erkenntnis ist also nur deshalb möglich und auch notwendig, weil sie als Substitut für fehlenden kognitiven Zugang zur Außenwelt dient.

 


[1] N. Luhmann, in: Erkenntnis als Konstruktion, in: Die Kontrolle von Intransparenz, hrsg. v. Dirk Baecker, Frankfurt a.M. 2017, S. 10f.; E. Esposito, in: Psychisches System, in: Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie Sozialer Systeme, hrsg. v. C. Baraldi/G. Corsi/E. Esposito, 9. Aufl., Frankfurt a.M. 2019, S. 142.

[2] N. Luhmann, in: Die Gesellschaft der Gesellschaft, 10. Aufl., Frankfurt a.M. 2018, S. 92.

[3] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 92.

[4] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 92 ff., 100 ff.

[5] F. B. Simon, in: Formen: Zur Kopplung von Organismus, Psyche und sozialen Systemen, Heidelberg 2018, S. 61.

[6] F. B. Simon, in: a.a.O. (Fn. 5), S. 117.

[7] F. B. Simon, in: a.a.O. (Fn. 5), S. 117.

[8] F. B. Simon, in: a.a.O. (Fn. 5), S. 58.

[9] N. Luhmann, in: Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie, 17. Aufl., Frankfurt a.M. 2018, S. 203.

[10] F. B. Simon, in: a.a.O. (Fn. 5), S. 67.

[11] F. B. Simon, in: a.a.O. (Fn. 5), S. 67.

[12] F. B. Simon, in: a.a.O. (Fn. 5), S. 67.

[13] F. B. Simon, in: a.a.O. (Fn. 5), S. 71.

[14] H. v. Foerster, in: Sicht und Einsicht: Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie, autorisierte deutsche Fassung von Wolfram K. Köck, Wiesbaden 1985, S. 29.

[15] H. v. Foerster, in: a.a.O. (Fn. 14), S. 29.

[16] H. v. Foerster, in: a.a.O. (Fn. 14), S. 29.

[17] H. v. Foerster, in: a.a.O. (Fn. 14), S. 29.

[18] E. Esposito, in: Konstruktivismus, in: a.a.O. (Fn. 1), S. 100.

[19] H. v. Foerster, a.a.O. (Fn. 14), S. 29.

[20] N. Luhmann, in: Die Kunst der Gesellschaft, 9. Aufl. 2017, S. 15.

[21] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 20), S. 19.

[22] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 20), S. 15.

[23] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 93.

[24] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 20), S. 22.

[25] E. Esposito, in: Konstruktivismus, in: a.a.O. (Fn. 1), S. 101.

[26] E. Esposito, in: Konstruktivismus, in: a.a.O. (Fn. 1), S. 101.

[27] E. Esposito, in: Konstruktivismus, in: a.a.O. (Fn. 1), S. 101.

[28] E. Esposito, in: Konstruktivismus, in: a.a.O. (Fn. 1), S. 103.

[29] E. Esposito, in: Konstruktivismus, in: a.a.O. (Fn. 1), S. 103.

[30] E. Esposito, in: Konstruktivismus, in: a.a.O. (Fn. 1), S. 103.

[31] E. Esposito, in: Konstruktivismus, in: a.a.O. (Fn. 1), S. 103.

[32] E. Esposito, in: Konstruktivismus, in: a.a.O. (Fn. 1), S. 103 f.