Kommunikation und Medien – Teil II

Link zur PDF-Datei

Die folgenden Überlegungen haben ihren Ausgangspunkt in der Einsicht, dass das Bewusstsein im Netzwerk seiner eigenen rekursiven Operationen (seinen Gedanken) ohne Kontakt mit der Umwelt eingeschlossen ist und deshalb das Sinnerleben mehrerer Personen unaufhebbar divergiert – und zwar originär divergiert und nicht erst als Folge von Kommunikationsfehlern. Diese Divergenz ist Bedingung der Möglichkeit von Kommunikation und erst vor diesem Hintergrund lässt sich die Funktion eines operativen Partialkonsenses verstehen.

Um diese Divergenz zwischen operativ geschlossenen Bewusstseinssystemen überbrücken zu können, nehmen alle Prozesse, die soziale Systeme (=Kommunikationssysteme) bilden, die Form von Kommunikation an. Ein Kommunikationssystem entsteht, wenn mindestens zwei Organismen so gekoppelt werden, dass sie füreinander relevante Umwelten bilden, d.h., dass sie sich in der Interaktion miteinander gegenseitig irritieren.[1] Die Methode der Koordination des Verhaltens von Organismen ist daher Kommunikation.[2] Im Gegensatz zum Bewusstsein, dessen Operationen und Letzt­elemente aus Gedanken bestehen, sind die Operationen und Letztelemente eines sozialen Systems Kommunikationen.[3] Kommunikation ist die Synthese aus Information, Mitteilung und Verstehen.[4] Kommunikation kommt also zustande, wenn Ego versteht, dass Alter eine Information mitgeteilt hat[5]. Sie realisiert sich mithin erst, wenn die Differenz aus Information und Mitteilung verstanden wird: wenn die Information („Es regnet“) und Alters Intention für die Mitteilung (Alter will z.B. Ego dazu bringen, einen Regenschirm mitzunehmen) von Ego als unterschiedliche Selektionen verstanden werden.[6] Kommunikation hat Erfolg, wenn Ego den selektiven Inhalt der Information als Prämisse eigenen Verhaltens übernimmt.[7] Das Übernehmen kann bedeuten: Handeln nach entsprechenden Direktiven, aber auch Erleben, Denken, weitere Informationen Verarbeiten unter der Voraussetzung, dass eine bestimmte Information zutrifft.[8] Kommunikativer Erfolg ist: gelungene Kopplung von Selek­tionen.[9] Kommunikation ermöglicht folglich eine punktuelle, momentane Synchronisation unterschiedlicher Möglichkeitshorizonte.[10]

Was Kommunikationssystem und Bewusstsein verbindet, ist, dass bei­de Systeme Sinn prozessieren[11], d.h. sich Kommunikationen und Gedanken im Medium Sinn realisieren[12]. Sinn ist die Simultanpräsenta­tion von Ak­tu­ellem und Möglichem[13] und erscheint in der Form eines Über­schusses von Verweisungen auf weitere Möglichkeiten des Erlebens und Handelns[14]. Die Verweisung selbst aktualisiert sich als Standpunkt der Wirklichkeit, aber sie bezieht nicht nur Wirkliches ein, sondern auch Mögliches und Negatives.[15] Die Gesamtheit der vom sinnhaft intendierten Gegenstand ausgehenden Verweisungen gibt also immer mehr an die Hand, als faktisch im nächsten Zug aktualisiert werden kann[16] und zwingt folglich durch seine Verweisungsstruktur den nächsten Schritt zur Selektion[17]. So gewinnt bspw. Sprache als grundlegendes Kommunikationsmedium ihre eigentümliche Form aus der Unterscheidung von Laut und Sinn.[18] Akustische Laute stehen dabei als mediales Substrat zur Verfügung, die zu wiederholt verwendeten Wörtern kondensiert sind und als solche durch Sprechen mit Hilfe von sinnhafter Selektion zu Sprache geformt werden. Das wiederum geschieht mit Hilfe von Grammatik, die sicherstellt, dass genügend Spielraum für die Bildung von Sätzen besteht und es gleichwohl nicht beliebig zugeht. Schrift als Kommunikationsmedium hingegen findet ihre Form in der Differenz aus Buchstabenkombinationen und Sinn[19] und ermöglicht da­durch eine Symbolisierung der Differenz von Laut und Sinn im Wahrnehmungsmedium der Optik[20]. Während Sprache stets nur unter Anwesenden für Kommunikation genutzt werden kann, beginnt mit Schrift das Zeitalter der Telekommunikation, d.h. die kommunikative Erreichbarkeit der in Raum und Zeit Abwesenden[21]. Schrift erweitert mithin als Verbreitungsmedium die Reichweite von Kommunikation und ermöglicht die Vertagung des Verstehens und dessen interaktionsfreie Realisation irgendwann, irgendwo, durch irgendwen.[22] Im Gebrauch von Schrift verzichtet die Gesellschaft mithin auf die zeitliche und interaktionelle Garantie der Einheit der kommunikativen Operationen.[23] Der Buchdruck führt schließ­lich zu einer exponentiellen Steigerung des Volumens der Reproduktion von schriftlichen Texten und befördert die Literalität der Bevölkerung. Ihren Kulminations- und vorläufigen Endpunkt erreichen die Kommunikationsmöglichkeiten durch elektronische Kommunikationsmedien. Diese lassen die noch zuvor bestehenden räumlichen und zeitlichen Beschränkungen der Kommunikation gegen Null tendieren und ermöglichen die Kommunikation bewegter Bilder einschließlich dazugehörigem synchronisierten Ton. Hierdurch werden die durch Schrift und Buchdruck getrennten kommunikativen Operationen wieder realzeitabhängig[24], nivellieren aber auch die im Wahrnehmungsprozess durch Sprache konstituierte Möglichkeit und Notwendigkeit, zwischen Information und Mitteilung zu unterscheiden[25]. In diesem Zuge versagt die Ja/Nein-Codierung der sprachlichen Kommunikation, weshalb eine klare Distinktion von Annahme und Ablehnung kommunizierten Sinnes nicht mehr möglich ist und stattdessen in Manipulationsverdacht transformiert wird.[26]


[1] F. B. Simon, in: Formen: Zur Kopplung von Organismus, Psyche und sozialen Systemen, Heidelberg 2018, S. 58.

[2] F. B. Simon, in: a.a.O. (Fn. 1), S. 58.

[3] C. Baraldi, in: Soziales System, in: Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie Sozialer Systeme, hrsg. v. C. Baraldi/G. Corsi/E. Esposito, 9. Aufl., Frankfurt a.M. 2019, S. 176, 177 f.

[4] N. Luhmann, in: Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie, 17. Aufl., Frankfurt a.M. 2018, S. 203.

[5] C. Baraldi, in: Kommunikation, a.a.O. (Fn. 3), S. 89.

[6] C. Baraldi, in: Kommunikation, a.a.O. (Fn. 3), S. 89.

[7] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 4), S. 218.

[8] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 4), S. 218.

[9] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 4), S. 218.

[10] N. Luhmann, in: Systemtheorie der Gesellschaft, Berlin 2017, S. 147.

[11] F. B. Simon, in: a.a.O. (Fn. 1), S. 67.

[12] C. Baraldi, in: Sinn, a.a.O. (Fn. 3), S. 171.

[13] C. Baraldi, in: Sinn, a.a.O. (Fn. 3), S. 170.

[14] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 4), S. 93.

[15] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 4), S. 93.

[16] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 4), S. 93 f.

[17] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 4), S. 94.

[18] N. Luhmann, in: Die Gesellschaft der Gesellschaft, 10. Aufl., Frankfurt a.M. 2018, S. 213.

[19] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 18), S. 256.

[20] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 18), S. 255.

[21] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 18), S. 257.

[22] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 18), S. 258.

[23] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 18), S. 258.

[24] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 18), S. 306.

[25] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 18), S. 306 f.

[26] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 18), S. 307.