Fiktive, mediale und virtuelle Realitäten – Teil III
Dieser Essay geht von der Annahme des operativen Konstruktivismus aus, dass das Bewusstsein im Netzwerk seiner eigenen rekursiven Operationen (seinen Gedanken) ohne Kontakt mit der Umwelt eingeschlossen ist.[1] Die wahrgenommen Realität – die Kognition mag auf sich reflektieren, wie sie will – liegt daher nicht in „der Welt draußen“, sondern in den kognitiven Operationen (den Gedanken) selbst.[2] Die Existenz der Außenwelt wird damit nicht bestritten, sondern nur postuliert, dass diese für Bewusstseinssysteme kognitiv unzugänglich ist. Realität muss daher von operativ geschlossenen Systemen durch eigene interne Sinngebung erarbeitet werden.[3] Die wahrgenommene Realität entsteht, wenn Inkonsistenzen, die sich aus der Beteiligung des Gedächtnisses an den Systemoperationen ergeben können, aufgelöst werden – z.B. durch Konstruktion von Raum und Zeit als Dimensionen mit verschiedenen Stellen, an denen unterschiedliche Wahrnehmungen oder Erinnerungen lokalisiert werden können, ohne miteinander in Konflikt zu geraten.[4] Die wahrgenommene Realität ist daher nichts weiter als ein Indikator für erfolgreiche Konsistenzprüfung eines erkennenden Systems.[5] Die (Außen-)Welt ist mithin für Bewusstseinssysteme ein Horizont, also unerreichbar.[6] Je komplexer ein System wird und je stärker es sich Irritationen aussetzt, um so mehr kann ein Bewusstseinssystem es sich leisten, auch mit Negationen, mit Fiktionen, mit nur analytischen oder mit statistischen Annahmen zu arbeiten, die von der (Außen-)Welt, wie sie ist, distanzieren.[7]
Für ein Bewusstseinssystem als Beobachter wird Realität erst dann bewusst, wenn es in der Welt etwas gibt, wovon sie unterschieden werden kann; erst dadurch kann Realität gewissermaßen gehärtet werden im Vergleich zu einer eher fluiden Welt der Imagination.[8] Es ist dann nicht mehr einfach alles, was ist, real, indem es ist, wie es ist, sondern es wird eine besondere, reale Realität dadurch erzeugt, dass es etwas gibt, was sich von ihr unterscheidet.[9] Eine solche Realitätsverdopplung entsteht, wenn die Realität artifiziell und konsensuell verdoppelt, d.h. reduziert und erweitert, wird.[10] Eine solche Verdopplung ist nicht für ein Wiederauslöschen bestimmt, sondern wird positiv konnotiert und als bewahrenswert reproduziert.[11] Die Reproduktion erfolgt anhand von Zeichen, die vor einer Konfusion bewahren und erkennen lassen, dass Sequenzen dem Doppel der Realität zuzuordnen sind.[12] Wenn eine solche Realitätsverdopplung stattfindet, lassen sich Mutmaßungen anstellen über Beziehungen, Spiegelungsverhältnisse oder intervenierende Aktivitäten, die diese beiden Weltteile, die beiden Realitäten, miteinander verbinden.[13]
Eine der frühsten bekannten Arten von Realitätsverdopplung findet statt in der Kennzeichnung einer imaginären Realität des Religiösen durch die Einschränkung von Kommunikation durch die Form des Geheimnisvollen, das sich nur unter besonderen Umständen oder nur besonders Eingeweihten erschließt.[14] Das Sakrale distinguiert und schützt sich hierdurch selbst durch die Form des Geheimnisses gegen Trivialisierung.[15] Das Phänomen der Realitätsverdopplung lässt sich aber bspw. auch im Theater beobachten, in der das Publikum und die Protagonisten zwischen theatralischer Realität und realer Realität unterscheiden anhand des situativen Arrangements durch die Unterscheidung von Akteuren und Auditorium. Weitere Realitätsverdopplungen lassen sich beobachten im Spiel, in der Kunst oder in der Statistik. Situative Zeichen wie Fußbälle und Spieregeln, Ausstellungen und Bilderrahmen bzw. die Regeln der Statistik gewährleisten dabei die Reproduktion einer anderen Realität (der des Spiels, des Kunstwerks oder einer statistischen Wahrscheinlichkeit), bewahren Teilnehmer wie Ausstehstehende vor einer Konfusion und lassen erkennen, dass die jeweilige Sequenz dem Spiel, dem Kunstwerk oder der Statistik und eben nicht der realen Realität zuzuordnen ist.
Das auf der Theaterbrühen erprobte Prinzip der Realitätsverdopplung wird im 17. Jahrhundert durch die neue literarische Gattung des Romans übernommen und ausdifferenziert.[16] Während der realistische Roman noch den Anspruch der Übereinstimmung von literarischer und realer Realität erhob, gibt der moderne Roman nicht mehr vor, reale Tatsachen darzustellen. Er erschafft vielmehr ganz bewusst und zielstrebig „zweite Welten“, in denen es nicht um Nachahmung des Alltäglichen, sondern um die Vielfalt der Intentionen und Perspektiven in einer eigenen literarischen Realität geht.[17] Die Verfügbarkeit fiktiver Welten ermöglicht es, zur wirklichen Welt auf Distanz zu gehen, sie gleichsam „von außen“ zu betrachten und ihr eine Alternative gegenüberzustellen.[18] Während Don Quijote noch als verrückt galt, weil er die beiden Realitätssphären nicht auseinanderhalten konnte, ist es für heute lebende Menschen normal, sich im Verwirrspiel von Masken und Authentizität zurechtzufinden. Fiktion wird zum Spiegel, in dem die Gesellschaft ihre eigene Kontingenz reflektiert, die Normalität einer nicht mehr eindeutig festgelegten und bestimmbaren Welt.[19]
Eine der für die moderne Gesellschaft wichtigste Erscheinungsform von Realitätsverdopplung ist die Realität der Massenmedien. Mit Massenmedien ist ein funktional differenziertes Teilsystem der Gesellschaft gemeint, dessen dauerwirksame Kommunikationen zur Entstehung der öffentlichen Meinung führen[20] und – wie das Theater – einem asymmetrischen, fremdorganisierten Kommunikationsmuster mit der Unterscheidung zwischen Protagonisten und Publikum folgt[21]. Die öffentliche Meinung ist das Medium der Selbst- und Weltbeschreibung der modernen Gesellschaft.[22] Mit ihrer Hilfe kristallisiert sich das, was in der gesellschaftlichen Kommunikation als „Wissen“ behandelt werden kann.[23] Anders gesagt: die tägliche Unsicherheitsabsorption durch die Massenmedien erzeugt Tatsachen, die dann in der weiteren Kommunikation als solche behandelt werden können.[24] Die reale Realität der Massenmedien besteht dabei in den Materialitäten ihrer eigenen Kommunikationen, d.h. in ihren Verbreitungsmedien wie Printerzeugnissen, Filmen, Funkwellen und elektronisch vermittelter Kommunikation, aber auch in der Kommunikation über die Verbreitungsmedien wie etwa das Nachher-Darüber-Reden.[25] Die mediale Realität – die Realität der Massenmedien – besteht in dem, was für sie und durch sie für andere als Realität erscheint[26] und zur öffentliche Meinung kristallisiert. Die Massenmedien erzeugen also eine Beschreibung der Realität, eine Weltkonstruktion, und das ist die Realität, an der sich die Gesellschaft orientiert.[27] Die öffentliche Meinung wirkt wie ein Spiegel, auf dessen Rückseite ebenfalls ein Spiegel angebracht ist.[28] Der Informationsgeber sieht ein Medium der kurrenten Informationen und sich selbst und andere Sender.[29] Der Informationsnehmer sieht sich selbst und andere Informationsnehmer und lernt nach und nach, was hochselektiv zur Kenntnis zu nehmen ist, um im jeweiligen Sozialkontext (sei es Politik, sei es Schule, seien es Freundschaftsgruppen, seien es soziale Bewegungen) mitwirken zu können.[30] Der Spiegel selbst ist intransparent.[31] Da sich die Realität eines Beobachters nicht aus einem Ausgriff in eine Welt, die unabhängig von dem Beobachter existiert, ergibt, ist jede Referenz Konstrukt eines beobachtenden Systems.[32] Es hat deshalb wenig Sinn, zu fragen, ob und wie die Massenmedien die Realität verzerrt wiedergeben.[33] Das heißt, dass die Frage, ob ein Beobachter sich täuscht bzw. eine massenmediale Berichterstattung falsch ist, nichts mit dem Realvollzug (s)einer Beobachtung zu tun hat, sondern ein weiteres Beobachtungsschema, ein (eigenes oder fremdes) Beobachten (s)einer Beobachtung voraussetzt.[34] Das aus den Massenmedien entnommene Wissen schließt sich zu einem sich selbst verstärkendem Gefüge zusammen.[35] Daher kann sich das Individuum zwar mit Manipulationsverdacht gegen die Kommunikationen der Massenmedien wehren und alles Wissen mit dem Vorzeichen des Bezweifelbaren versehen, ist aber letztendlich dennoch darauf angewiesen, auf dem so vermittelten Wissen aufzubauen und daran anzuschließen.[36]
Die für die moderne Gesellschaft bedeutungsvollste Erscheinung einer Realitätsverdopplung ist die Kreation des Virtuellen. Die Technik des Virtuellen beruht auf der Digitalisierung aller Medien, wodurch Text und Bild, Grafik und Video sowie Ton nicht nur manipuliert, transformiert, verbunden und interaktiv gestaltet[37], sondern v.a. jederzeit zum Gegenstand technisch vermittelter Kommunikation gemacht werden können. Durch den technischen Fortschritt und der daraus resultierenden Verfügbarkeit digitaler Endgeräte kommt es zwischen der realen Realität und der virtuellen Realität zu einer Relativierung und partiellen Einebnung ihrer Grenzen, in die in absehbarer Zukunft schließlich auch die individuellen, wahrgenommenen Realitäten von menschlichen Bewusstseinssystemen, die in den Gehirnen erzeugt werden, miteinbezogen werden werden.[38] Es wird also zu einer direkten Kopplung von VR-Systemen und menschlichen Bewusstseinssystemen kommen, etwa durch ins periphere Nervensystem implantierte Chips oder Kopplung beider Systeme durch das Corpus callosum, das die beiden Hälften des Neo-Cortex miteinander verbindet.[39] Wenn dieser Zustand erreicht ist, geht es nicht mehr um eine Verdopplung der Realität, sondern darum, wieviel Komplexität der Mensch mit der vorgegebenen Technologie erreichen und interaktiv aufrechterhalten kann.[40]
[1] N. Luhmann, in: Erkenntnis als Konstruktion, in: Die Kontrolle von Intransparenz, hrsg. v. Dirk Baecker, Frankfurt a.M. 2017, S. 10f.; E. Esposito, in: Psychisches System, in: Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie Sozialer Systeme, hrsg. v. C. Baraldi/G. Corsi/E. Esposito, 9. Aufl., Frankfurt a.M. 2019, S. 142.
[2] N. Luhmann, in: Die Realität der Massenmedien, 5. Aufl., Wiesbaden 2017, S. 15.
[3] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 15 f.
[4] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 15.
[5] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 15.
[6] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 15.
[7] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 16.
[8] N. Luhmann, in: Die Religion der Gesellschaft, 5. Aufl., Frankfurt a.M. 2018, S. 59.
[9] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 8), S. 59.
[10] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 8), S. 60.
[11] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 8), S. 60.
[12] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 8), S. 60.
[13] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 8), S. 59.
[14] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 8), S. 60.
[15] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 8), S. 61.
[16] E. Esposito, in: Die Fiktion der wahrscheinlichen Realität, 4. Aufl., Frankfurt a.M. 2019, S. 17.
[17] E. Esposito, in: a.a.O. (Fn. 16), S. 17.
[18] E. Esposito, in: a.a.O. (Fn. 16), S. 18.
[19] E. Esposito, in: a.a.O. (Fn. 16), S. 18.
[20] N. Luhmann, in: Die Gesellschaft der Gesellschaft, 10. Aufl., Frankfurt a.M. 2018, S. 1102.
[21] F. B. Simon, in: Formen: Zur Kopplung von Organismus, Psyche und Sozialen Systemen, Heidelberg 2018, S. 194 f.
[22] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 20), S. 1107 f.
[23] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 20), S. 1106.
[24] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 20), S. 1106.
[25] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 11.
[26] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 12.
[27] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 20), S. 1102.
[28] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 20), S. 1102.
[29] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 20), S. 1102.
[30] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 20), S. 1102.
[31] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 20), S. 1102.
[32] N. Luhmann, in: Die Wissenschaft der Gesellschaft, 8. Aufl. Frankfurt a.M. 2018, S. 78.
[33] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 20), S. 1102.
[34] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 32), S. 78.
[35] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 9.
[36] N. Luhmann, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 9.
[37] S. J. Schmitt, in: Blickwechsel: Umrisse einer Medienepistemologie, in: Konstruktivismus in der Medien- und Kommunikationswissenschaft, DELFIN 1997, hrsg. von Gebhard Rusch/Siegfried J. Schmidt, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 2016, S. 135.
[38] S. J. Schmitt, in: a.a.O. (Fn. 37), S. 136.
[39] S. J. Schmitt, in: a.a.O. (Fn. 37), S. 136.
[40] S. J. Schmitt, in: a.a.O. (Fn. 37), S. 138.