Social Web – Teil IV
Dieser Essay geht von der Annahme des operativen Konstruktivismus aus, dass die primäre Realität nicht in „der Welt draußen“ liegt, sondern internes Korrelat entweder von Bewusstseins- oder Sozialsystemen (=Kommunikationssystemen) und damit an nicht weiter generalisierbare (nicht transzendentalisierbare) Systemreferenzen gebunden ist.[1] Jede Realität (=Wirklichkeit) ist mithin beobachterrelativ und die (Außen-)Welt kann nicht beobachterunabhängig erfasst werden. Es gibt demnach ebenso viele Wirklichkeitssichten (=Realitätssichten), wie es Bewusstseins- und Kommunikationssysteme gibt. In einer Gesellschaft lassen sich daher eine Vielzahl von kontextgebundenen Wirklichkeitssichten beobachten, die sich einzig aus anderen, wiederum kontextgebundenen Wirklichkeitssichten beobachten (und bewerten) lassen. Es gibt folglich in der Gesellschaft keine Position, von der aus eine unbefangene, nicht-kontextgebundene Beschreibung „der“ Wirklichkeit möglich ist.
Die moderne Gesellschaft lässt sich aus der Sicht des operativen Konstruktivismus folglich als interdependentes Geflecht polykontexturaler, d.h. systemrelativer Wirklichkeitssichten begreifen. Als ein Teilsystem der Gesellschaft erfüllt das Sozialsystem der Massenmedien die Funktion, unter andauernder Konkurrenz der einzelnen Outlets eine als geteilt markierte Gegenwartsbeschreibung zu aktualisieren, die angesichts ihrer Selektivität von jedem spezifischen Standpunkt aus lückenhaft erscheint.[2] Innerhalb räumlich begrenzter geografischer Regionen und/oder ethnischer Gruppen bilden die jeweiligen Outlets der Massenmedien i.d.R. ein prominentes Gesamtnarrativ, das die Vielzahl nebeneinander stehender Wirklichkeitssichten überdeckt und von Individuen internalisiert wird. Massenmedien erreichen also nicht nur ein großes Publikum, sondern vermitteln angesichts knapper Aufmerksamkeitsressourcen ein höchst selektives Bild des Weltgeschehens, in dem spezifische herausgearbeitet werden, während andere Relationen aus dem Blickfeld fallen.[3] Sie tradieren in ihren Informations- und Unterhaltungsangeboten etablierte Sichtweisen und bieten in der individuellen Sozialisation eine prominente Orientierungs- und Abgrenzungsfläche.[4]
Lange Zeit ist die Polykontexturalität und damit die Diffusion abweichender Positionen durch infrastrukturelle Asymmetrien der Massenmedien überdeckt worden. Durch die Verfügbarkeit und weit verbreitete Nutzung des Social Webs kollidieren jedoch zunehmend abweichende und etablierte Sichtweisen auf gleicher Zugriffsebene, wodurch Diskrepanzen instantan sichtbar werden,[5] und das Bild einer „gespaltenen Gesellschaft“ befördern bzw. Polykontexturalität offenlegen. Das Social Web nivelliert die Grenzen zwischen den Sphären öffentlicher und privater Kommunikation, wodurch das Nebeneinander von journalistisch-allgemeinen, kontextspezifischen und individuellen Wirklichkeitsbeschreibungen auf gleicher Zugriffsebene zur Regelerfahrung wird.[6]
Aus der Sicht des operativen Konstruktivismus bildet nicht nur jede digitale Plattform ein distinktes Kommunikationssystem, das sich an spezifischen Erwartungsstrukturen und Kommunikationsmustern ausrichtet, sondern auch jeder Kommunikationszusammenhang, der sich dort entfaltet: In jedem Thread, Hashtag-Verlauf oder Kommunikationsnetzwerk bilden sich selektive Wirklichkeitssichten und eigensinnige Bezüge heraus, entlang derer Beiträge als passend oder abseitig eingestuft werden und eine Abgrenzung nach außen stattfindet.[7] Im Extremfall kann dies zu der Formation hochgradig polarisierter kommunikativer Domänen führen, in denen abweichende Sichtweisen als „Desinformationen“ eingestuft werden.[8] Empirische Studien kommen gleichwohl zu dem Schluss, dass selbst hochspezialisierte Onliner regelmäßig mit einem Grundstock an allgemeinen geteilten Informationen konfrontiert werden, die eine Agenda an gesellschaftlich relevant gesetzten Themen konturieren, die dann in spezifischen Kontexten eigensinnig gedeutet werden.[9] Ein solcher Grundstock an geteilten Themen ermöglicht eine als gemeinsam empfundene Gegenwartsbeschreibung und damit auch die Basis zur Herstellung kollektiver bindender Entscheidungen durch das politische System.[10]
Social-Media-Plattformen bzw. ihre betreibenden Konzerne sind keine klassischen Medienunternehmen, die Inhalte für den Massenmarkt produzieren, aber auch keine neutralen Übertragungsdienstleister.[11] Die Leistungen, die Social-Media-Plattformen indirekt anbieten, bestehen in der automatisierten personalisierten Zusammenstellung und Verknüpfung von andernorts produzierten oder nutzerseitig generierten Inhalten.[12]
[1] N. Luhmann, in: Die Realität der Massenmedien, 5. Aufl., Wiesbaden 2017, S. 14 f.
[2] J.-F. Schrape, in: Digitale Medien und Wirklichkeit: Eine Einführung in den operativen Konstruktivismus, Wiesbaden 2023, S. 15.
[3] J.-F. Schrape, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 2.
[4] J.-F. Schrape, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 2.
[5] J.-F. Schrape, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 16.
[6] J.-F. Schrape, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 17 f.
[7] K. Rachlitz/P. Waag/J. Gehrmann/B. Grossmann-Hensel, in: Digitale Plattformen als soziale Systeme? Vorarbeiten zu einer allgemeinen Theorie, in: Soziale Systeme 2021, hrsg. v. Sven Kette/Veronika Tacke, Berlin 2021, S. 54-94.
[8] J.-F. Schrape, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 18 m.w.N.
[9] J.-F. Schrape, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 19 m.w.N.
[10] J.-F. Schrape, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 19.
[11] J.-F. Schrape, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 19.
[12] J.-F. Schrape, in: a.a.O. (Fn. 2), S. 20.