Was ist inszenierte Fotografie?
Inszenierung [von lat. scaena: Bühne]; als ästhetische Kategorie meint der Begriff alle Kulturtechniken und Praktiken, mit denen etwas zur Erscheinung gebracht wird. Da mithilfe der Fotografie – einer Kulturtechnik – eine mediale Realität zur Erscheinung gebracht wird, ist nach diesem weiten Begriffsverständnis jede Fotografie eine Inszenierung. Hinsichtlich der zeitlichen Abfolge bei der Entstehung der fotografischen Erscheinung lassen sich folgende Inszenierungsschritte differenzieren: die Inszenierung vor der Kamera, die Inszenierung mit der Kamera und die Inszenierung des fotografischen Bildes als Bild. Je nach wahrgenommenem Inszenierungsgrad im Zuge der Rezeption, v.a. in Hinblick auf den Inszenierungsschritt »vor der Kamera«, aber mitunter auch in Hinblick auf die nachfolgenden beiden Ebenen, wirkt das fotografische Bild authentisch oder inszeniert.
Hinsichtlich der Inszenierung vor der Kamera ist der fotografierenden Person dieser Inszenierungsschritt zuzurechnen, wenn diese den Bildinhalt (das Abgebildete) vor oder während der Aufnahme in der Weise aktiv mit der Absicht (:= zielgerichtetes Wollen) arrangiert oder geändert hat, dass das so verursachte Arrangement oder die so verursachte Änderung bildwirksam wird. Zu unterscheiden ist die aktive Objekt-Inszenierung und die aktive Subjekt-Inszenierung. Eine aktive Subjekt-Inszenierung ist der fotografierenden Person nur dann zuzurechnen, wenn sie selbst die Absicht zur Beeinflussung des Bildinhalts aufgewiesen hat; es genügt folglich nicht, dass eine fotografierte Person – aufgrund des Eindrucks, dass sie fotografiert wird – ihr Verhalten an das Fotografiertwerden anpasst (z.B. durch das Einnehmen einer Pose, der Veränderung eines Ausdrucks, das Äußern einer Geste usw.), sofern diese Bildinhaltsänderung nicht hinreichend konkret von der Absicht der fotografierenden Person umfasst war. Die Selbstinszenierung einer oder mehrerer fotografierter Personen ist der fotografierenden Person daher nicht zuzurechnen, wenn letzterer die entsprechende Absicht fehlt. Es genügt daher nicht, dass die fotografierende Person die Bildinhaltsänderung im Zeitpunkt der Aufnahme für möglich gehalten oder sogar sicher voraus gesehen hat.
Da die Medialität eines fotografischen Bildes i.d.R. unsichtbar bleibt und in der Wahrnehmung einer betrachtenden Person grds. unbewusst zugunsten des Dargestellten verschwindet, bleibt die Inszenierung mit der Kamera in vielen Fällen unbeachtet. Dieses Phänomen der sog. »Nichtexistenz des fotografischen Bildes« erklärt, weshalb für den Authentizitätseindruck einer Fotografie meistens nur der Inszenierungsgrad vor der Kamera als Maßstab dient. Gleichwohl ist die von der fotografierenden Person gewählte Motivbetrachtung mithilfe einer aufnahmebereiten Kamera zu einem bestimmen Zeitpunkt im Raum-Zeit-Kontinuum einschließlich des Betrachtungswinkels, der Belichtungszeit und anderer technischer Faktoren die notwendige Bedingung für das Entstehen eines fotografischen Bildes. Erst auf der Ebene der Inszenierung mit der Kamera wird die Einheit von Form und Inhalt, die ein fotografisches Bild zur Erscheinung bringt, realisiert. Hier entscheidet sich, ob eine fotografische Komposition gelingt und ein später als passend erachteter Bildausschnitt gewählt wird. VertreterInnen einer »spontanen« oder »intuitiven« Fotografie behaupten, dass »die perfekte Einheit« von Form und Inhalt stets intuitiv im Augenblick der Aufnahme festgelegt werden müsse. Andernfalls sei das fotografische Bild nicht authentisch.
Die Ebene der Inszenierung des Bildes als Bild meint die Art und Weise und den Ort der Präsentation des fotografischen Bildes. Anhand des Präsentationsmodus entscheidet sich, ob eine Fotografie von den jeweiligen RezipientInnen als künstlerisches, wissenschaftliches, propagandistisches, werbendes oder dokumentarisches Bild wahrgenommen wird. Auf dieser Ebene können ikonologische und ikonografische Inhalte oder rekursive Strategien wie das Bildzitat erkannt werden, denn gerade im Moment der Konventionserfüllung oder der augenfälligen Nach-Bildung wird das Inszeniertsein einer Aufnahme besonders evident.