Realitätskonstruktion durch fotografische Bilder

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I.

Dieser Essay geht von der Beobachtung aus, dass allgemein angenommen wird, dass Fotografien einen visuellen Ausschnitt der Realität abbilden. Dies gelte zumindest dann, wenn die Fotografie nicht unter Zuhilfenahme technischer Mittel manipuliert oder gar mithilfe generativer Algorithmen „ex nihilo“ kreiert wurde. Die Feststellung, dass Fotografien die Realität abbildeten, mag trivial erscheinen, entspricht es doch unserem intuitiven Alltagserleben, dass die Welt, in der wir leben, aus einer Ansammlung designationsfähiger Dinge besteht. Fotografien bilden nach diesem Verständnis als etwas Hergestelltes das ab, was von sich aus „da ist“. Schon Aristotelis konstatierte in der Metaphysik, dass die visuelle Wahrnehmung „vom Gegenstande die deutlichste Erkenntnis vermittelt“.[1] Diese Verlässlichkeitserwartung visueller Wahrnehmung überträgt sich auf die Fotografie, weil wir Kameras als technische Beobachtungsinstrumente verstehen. Auf diese Weise statten wir Fotografie mit der Fähigkeit zur Realitätsabbildung aus.

Dass eine Fotografie einen visuellen Ausschnitt der Realität abbilde, entspricht seit jeher zumindest einem Teil der theoretischen Beschreibung der Fotografie. Der Kunstkritiker Jules Janin (1804-1874) setzte sich als erster ausführlich mit der Beschreibung der Fotografie auseinander, die damals noch nach Louis Daguerre (1787-1851) – dem Mann, der als erster die Fotografie kommerziell nutzbar machte – als Daguerreotypie bezeichnet wurde. In seinem im Jahr 1839 veröffentlichen Aufsatz „Der Daguerreotyp“ stellt Janin be­geis­tert fest, dass es sich bei den durch das Verfahren erzeugten Bildern um die „feinste und vollkommenste Reproduktion“ der Realität handle.[2] Etwa ein Jahrhundert später hat sich dieses Verständnis nicht geändert als einer der bedeutendsten französischen Filmkritiker des 20. Jahrhunderts, André Bazin (1918-1958) in seinem Aufsatz „Ontologie des photographischen Bildes“ Fotografie als eine „Wirklichkeitsübertragung vom Ding auf seine Reproduktion“ begreift.[3] Ihren Kulmina­tionspunkt erreicht diese Theorietradition in den viel zitierten Aufsätzen der amerikanischen Autorin Susan Sontag (1933-2004) und des französischen Philosophen Roland Barthes (1915-1980). Sontag stellt fest, dass Fotografien als „Schablone des Wirklichen“ sich „der Realität bemächtigen“.[4] Sowohl Sontag als auch Barthes verstehen Fotografie deshalb als Verfahren zur Aufzeichnung „einer Emanation“ des Realen.[5] Barthes Fotografieverständnis nimmt darüber hinaus poetische und mit der physikalischen Optik nicht vereinbare Züge an. Er behauptet, dass eine Fotografie das durch die Kamera gebündelte Licht speichere und das so eingefangene Licht als „Photographie des verschwundenen Wesens“ den Betrachter „wie das Licht eines Sterns“ berühre.[6] Da die Poesie bekanntlich die jüngere, freier aufgewachsene Schwester der Erkenntnis ist, wollen wir von der physikalischen Tatsache absehen, dass die von Gegenständen reflektierten Photonen (also das Licht) im Zuge des fotografischen Verfahrens (egal oder analog oder digital) beim Auftreffen auf das lichtempfindliche Medium (Film oder Sensor) ihre Energie abgeben und danach nicht mehr existieren.

Aus der Perspektive unseres alltäglichen Weltverständnisses, das die gerade aufgeführten Autoren teilen, stellen wir uns die Welt auf der Sach­ebene als Ansammlung designationsfähiger Dinge vor. Genauer bezeichnet ist die Welt hiernach ein Realitätskontinuum, in dem alles, was es gibt, die Form des sichtbaren oder unsichtbaren Dings annimmt. Ein Einzelding existiert, weil sein Sein von seinem Nichtsein unterschieden wird. Unserem Weltverständnis liegt also die Ausgangsunterscheidung von Sein und Nichtsein zugrunde. Dieses Beobachtungsschema heißt Ontologie. In der Semantik Alteuropas wird diese Ausgangsunterscheidung durch die Unterscheidung von Subjekt und Objekt ergänzt. Der Begriff des Subjekts bezeichnet eine transzendentale Sphäre außerhalb der Realität, dessen Funktion vor allem darin besteht, die gedankliche Erlebniswelt eines jeden außerhalb der Realität zu verorten. Durch diese Konstruktion ist gewährleistet, dass unterschiedliches Realitätserleben Einzelner nicht dazu führt, die Existenz eines einzigen, der Erkenntnis zugänglichen ontologischen Realitätskontinuums in Frage stellen zu müssen. Der Begriff des Subjekts invisibilisiert und schützt demnach den Universalgeltungsanspruch der ontologischen Ausgangsunterscheidung.

Die ontologische Ausgangsunterscheidung von Sein und Nichtsein ist wiederum der Beobachtung zugänglich, um (vermeintliche) Fehlzuordnungen bei der Designation von Dingen aufdecken und korrigieren zu können. Sobald Zweifel an der Echtheit der Realitätsabbildung einer Fotografie aufkommen, wird die Fotografie mit einem Wahrhaftigkeits- oder Unwahrhaftigkeitsindex versehen. Sei es, dass der Verdacht aufkommt, dass das Bild unter Zuhilfenahme technischer Mittel manipuliert oder mithilfe generativer Algorithmen „ex nihilo“ kreiert wurde, oder sei es, dass die Fotografie mit dem Makel der Inszenierung behaftet wird. Bezweifelt wird im letzteren Fall nicht, dass das Bild eine reale Referenz in der Wirklichkeit hatte und das Bild nicht technisch manipuliert wurde, sondern der Wahrhaftigkeitsanspruch der Fotografie wird zurückgewiesen, weil dem Fotografen vorgeworfen wird, dass er die Bildgestaltung vorsätzlich in ei­ner bestimmten Weise zu einem be­stimmten Zweck arrangiert habe.

Ein ontologisches Verständnis von Fotografie ermöglicht schließlich auch, den Bereich der beobachterunabhängigen Realität artifiziell und konsensuell zu untergliedern, und zwar in einen Bereich der realen Realität und der medialen Realität (sog. Realitätsverdopplung). Mithilfe von Zeichen, die vor einer Konfusion bewahren, wird die mediale Realität vor dem Wiederauslöschen bewahrt, positiv konnotiert und reproduziert. Während bei dauerhaften gegenständlichen Fotografien dieses Zeichen in der Materialität des Referenden zu suchen ist, dürften sich diese Zeichen bei elektronisch dargestellten Fotografien v.a. aus dem Kontext ihrer Zurschaustellung erschließen. Man denke an Bildern in sozialen Netzwerken oder in den Online-Portalen von Nachrichtenagenturen. Eine solche als beobachterunabhängig postulierte Differenz zwischen realer Realität und medialer Realität führt zu der oft anzutreffenden Klage, dass die mediale Realität die reale Realität verzerrt darstelle. Außerdem führt diese Sichtweise zur Beschreibung des Phänomens, dass die Medialität einer Fotografie – zumindest sofern der Wahrhaftigkeitsanspruch der Fotografie nicht unbewusst zurückgewiesen wird – unsichtbar bleibe und in der Wahrnehmung unbewusst zugunsten des fotografierten Referenten zurücktrete. So konstatierte Bar­thes, dass sich „eine bestimmte Photographie nie von ihrem Bezugsobjekt (von dem, was sie darstellt) unterscheiden [lasse]“, „was bei jedem beliebigen anderen Bild möglich ist, da es von vornherein und per se durch Art und Weise belastet ist, in der der Gegenstand simuliert wird“.[7] Dieses Phänomen sei kurz exemplifiziert: Wer bs­pw. das fotografische Porträt einer Person betrachtet, nimmt hiernach grds. nicht den Referenden (also die Materialität des Fotos an sich als etwas Hergestelltes), sondern vielmehr den Referenten (also die abgebildete Person selbst) wahr. Es ist, als ob in der Fotografie das Dargestellte über die Darstellung triumphiert. Sehr ähn­lich beschreibt der deutsche Künstler Ger­hard Richter das Phänomen in einem Brief aus dem Jahr 1979, nämlich dass „das Foto die eigene Wirklichkeit umso mehr [verliert], je genauer es die andere [abgebildete Realität] zeigt, und so gesehen ist die einzige Wirklichkeit des Fotos die eigene Unwirklichkeit, ist das Nicht-da-Sein des Fotos seine eigent­liche Qualität“.[8] Dieses Phänomen wird auch als Nichtexistenz des fotografischen Bildes bezeichnet. Aus ontologischer Sicht ist es darauf zurückzuführen, dass das menschliche Gehirn beim Betrachten eines entsprechenden Fotos nicht ad hoc zwischen realer Realität und Medienrealität unterscheidet.

II.

Im zweiten Teil des Essays wollen wir die eingangs formulierte Beobachtung – dass eine Fotografie einen visuellen Ausschnitt der Realität abbilde – aus der Perspektive des operativen Konstruktivismus betrachten. Uns be­schäftigt die Frage, ob Fotografien tatsächlich die Realität abbilden und – falls dies nicht zutreffen sollte – wie das Betrachten einer Fotografie dennoch zu Realitätskonstruktion führt.

Konstruktivistische Theorien behaupten, dass kognitive Systeme – so auch unser Gehirn – keinen von ihnen unabhängigen Zugang zur Realität haben. Die Realität ist hiernach nichts anderes als die Gesamtheit der Eigenwerte neurophysiologischer Operationen. Kognitive Systeme richten die Differenz zwischen der Welt und dem beobachtenden System (dem Bewusstsein) systemintern ein, indem sie eine operative Konstruktion der Außenwelt im Wege eines re-entry in das Bewusstsein hineinspiegeln. Im Unterschied zur Ontologie ist die Ausgangsunterscheidung des operativen Konstruktivismus deshalb nicht Sein und Nichtsein, sondern Selbst- und Fremdreferenz. Durch die Unterscheidung von Selbst- und Fremdreferenz kann sich das System selbst beobachten und Gegenstände in der Außenwelt ontologisieren. Da unsere Gehirne die Eigenleistung ihrer Wirklichkeitskonstruktion unterdrücken und unbewusst vollziehen, widerfährt uns die Realitätskonstruktion mehr als das wir sie reflektieren könnten. Das Bewusstsein als Beobachter ist damit ­die Einheit der durch das Gehirn systemintern erzeugten Differenz aus Selbst- und Fremdreferenz. Und gerade hier liegt der Unterschied zum Subjektbegriff, der den Beobachter – im Einklang mit unserem intuitiven Alltagserleben – nur mit Selbstreferenz gleichgesetzt hat. Es wichtig zu verstehen, dass der operative Konstruktivismus die Ex­istenz der Außenwelt nicht bestreitet, sondern nur postuliert, dass uns die Außenwelt kognitiv unzugänglich ist. Er verfällt also nicht dem alten skeptischen oder solipsistischen Zweifel, ob es die Außenwelt überhaupt gibt. Aus der Sicht des operativen Konstruktivismus gibt es also nicht eine beobachterunabhängige ontologische Realität, sondern so viele Realitäten, wie es beobachtende Systeme gibt. Und beobachtende Systeme lassen sich wiederum daraufhin beobachten, wie sie die Realität konstruieren und dass nur sie die Realität so sehen, wie sie sie sehen. 

Sofern wir die These akzeptieren, dass uns die Außenwelt kognitiv unzugänglich ist, stellt sich unweigerlich die Frage, wie dann Bewusstsein und Außenwelt aufeinander einwirken können. Denn dass zwischen beiden ein Wirkungszusammenhang bestehen muss, allein damit ein Mensch in seiner ökologischen und sozialen Umwelt überleben kann, steht außer Frage. Das Bewusstsein ist, um seine Umwelt wahrzunehmen, auf die Sensoren (Sinnesorgane) des Organismus angewiesen, sodass deren Sensibilität die Wahrnehmungsmöglichkeiten des Bewusstseins begrenzen. Der Organismus ist das Medium, das extrakorporale Ereignisse mit der Wahrnehmung des Bewusstseins verbindet. Zwischen Bewusstsein und seiner Umwelt gibt es keine instruktive Interaktion, d.h. keine geradlinigen Ursache-Wirkung-Beziehung zwischen Ereignissen der Umwelt und den Wirkungen auf das Bewusstsein und dessen Reaktion. Sondern Ereignisse in der Umwelt des Bewusstseins können dessen gedankliche Operationen lediglich irritieren (per­turbieren), d.h. stören oder anregen, nicht aber determinieren. Das Bewusstsein beobachtet seine Umwelt also in Form von autonomen Reaktionen auf erfahrene Irritationen. So werden bspw. die vom Nervensystem des Gehirns erzeugten Sinnesreize so mit dem Bewusstsein gekoppelt, dass immer nur eine Selektion dieser Variationen zu Irritationen auf der Ebene des Bewusstseins führt. Bewusstsein und Außenwelt wirken also im Wege einer strukturellen Kopplung aufeinander ein.

Wenn die Realität bloß eine Konstruktion unserer Gehirne ist und es so viele Realitäten gibt, wie es beobachtende Systeme gibt, können Fotografien – entgegen dem ontologischen Verständnis – nicht mehr als Abbilder der Realität, sondern nur noch als Angebote an kognitive Systeme verstanden werden, unter ihren jeweiligen Systembedingungen durch strukturelle Kopplung Wirklichkeitskonstruktionen in Gang zu setzen. Dass es dabei – aufgrund der systemintern eingerichteten Kompatibilitätsrelationen zwischen Bewusstsein und Umwelt, die aufgrund der Notwendigkeit der Anpassung an die Umwelt sowie Erziehung, Sozialisation und nicht zuletzt genetischen Einflüssen zumindest teilweise kongruent sind – zu Übereinstimmungen zwischen einer Vielzahl von psychischen Systemen oder sogar zu der Illusion, dass eine völlige Übereinstimmung vorliegt, kommen mag, wollen wir nicht bestreiten. Eine solche (vermeintliche) Übereinstimmung muss aber stets systemintern begrifflich gefasst und kommuniziert oder aber nicht-kommuniziert vorausgesetzt werden.

Den zweiten Abschnitt des Essays wollen wir mit der Feststellung schließen, dass wir die Welt zwar abfotografieren, aber vor allem jeweils einen Entwurf der Welt liefern bzw. ein Weltbild neu konstruieren. Fotografen sind in diesem Sinne – ob sie wollen oder nicht –  vor allem eines: nämlich Konstrukteure.

[1] Aristotelis, in: Metaphysik, Jena 1907, S. 6.

[2] Jules Janin, in: Der Daguerreotyp, in: Theorie der Fotografie I (1839-1912), hg. v. Wolfgang Kemp, München 1999, S. 46-51, hier: S. 48.

[3] André Bazin, in: Ontologie des photographischen Bildes, in: Was ist Film?, hg. v. Robert Fischer, Berlin 2004, S. 33-42, hier: S. 37.

[4] Susan Sontag, in: Die Bilderwelt, in: Über Fotografie, hg. v. Susan Sontag, 23. Aufl., Frankfurt a.M. 2018, S. 146-172, hier: S. 147.

[5] Susan Sontag, a.a.O. (Fn. 4), S. 147; Roland Barthes, in: Die helle Kammer, 18. Aufl., Frankfurt a.M. 2021, S. 90.

[6] Roland Barthes, a.a.O. (Fn. 5), S. 90f.

[7] Roland Barthes, a.a.O. (Fn. 5), S. 13.

[8] Gerhard Richter, „Brief an Benjamin H. D. Buchloh vom 30.09.1979“, in: Gerhard Richter: Text 1961 bis 2007, Schriften, Interviews, Briefe, hg. v. Dietmar Elger und Hans Ulrich Obrist, Köln 2008, S. 114.