Wörter, die geholfen haben

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Zitate und Aphorismen aus Interviews mit Henri Cartier-Bresson zum Thema Photografie

 

… im Gespräch mit Daniel Masclet (1951)

 

Bilder, die in Ausstellungen zu sehen sind, bedürfen keiner Worte […].

 

[Daniel Masclet] Aber sagen Sie mir doch, was für Sie das wichtigste Sujet ist? [Henri Cartier-Bresson] Der Mensch. Der Mensch und sein Leben, das so kurz, so anfällig und so bedroht ist.

 

[…] meine Vorgehensweise beruht auf diesem Respekt, den ich auch der realen Umgebung zolle: ich mache keinen Lärm, trete persönlich nicht in den Vordergrund, bleibe so unsichtbar wie möglich, treffe keinerlei „Vorbereitung“, „arrangiere“ nichts, bin nur da, trete ganz vorsichtig auf, auf Samtpfoten, um keinerlei Wirbel zu verursachen …

 

Natürlich trenne ich den Menschen nicht willkürlich von seinem Umfeld, ich löse ihn nicht heraus aus seiner natürlichen Umgebung […]

 

Nein, auf keinen Fall Blitzlicht. Das entspricht nicht dem Licht, wie es im Leben anzutreffen ist.

 

[…] Authentizität ist wohl die größte Tugend der Photographie.

 

Man kann nicht die Form vom Inhalt trennen, es gibt ein ganzes Geflecht von gegenseitiger Beeinflussung zwischen den beiden. Das Malheur bei sehr vielen „Salon-Photographien“ und bei sehr vielen „schönen“ Photographien liegt darin, dass sie oft nur in der Form schön sind, aber ganz leer und ausdruckslos …

 

[Henri Cartier Bresson] Die perfekte Einheit von Form und Inhalt (die natürlich instinktiv erzielt wird), ist … [Daniel Masclet] … das eigentliche Thema.

 

Im Augenblick der Aufnahme die Komposition und den Rahmen festzulegen, das ist das einzig wahre, selbst für einen Bildreporter.

 

Meine Aufnahmetechnik ist eine instinktive Reaktion.

 

Viel zu viele Photographen achten nur [auf die Technik] und vergessen den Stil, obwohl der doch viel wichtiger ist.

 

… im Gespräch mit Richard L. Simon (1952)

 

Ja, es gibt quadratische Gemälde … aber Quadrate sind definitiv ein Problem bei der Komposition. Und ich glaube nicht ans Beschneiden. [Im Kleinbildformat 2:3] entsteht ein Wechselspiel  zwischen horizontal und vertikal.

 

Für mich hängt ein Bild von winzigen Bewegungen ab, und die kann ich mit einer Kamera vor dem Bauch nicht sehen.

 

Die Leica ist eine Verlängerung meines Auges.

 

Effekte zu erzeugen, interessiert mich nicht. Ohnehin hat nichts die Präzision des wahren Lebens.

 

Man muss seinen Geist fortwährend mit Musik, Kunst, Malerei füttern.

 

In allem, was man tut, ist das eigene Weltbild enthalten.

 

Wenn ich mit meiner Leica herumlaufe, lasse ich sie immer zwischen f/11 und f/8 bei 1/1000 eingestellt.

 

Man muss mit seiner Kamera glücklich sein.

 

Ich glaube nicht, dass man gute Bilder machen kann, wenn man sie mit einer Absicht im Kopf macht.

 

Stilisierung, zum Beispiel, ist das traurige Resultat einer systematischen Herangehensweise an Komposition anstelle von Intuition.

 

Die einzige Kunst liegt in der Menschlichkeit des eigenen Denkens, dem eigenen Blick und dem Zufall, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein.

 

… im Gespräch mit Byron Dobell (1957)

 

[…] die Photographie [ist] meine Art, Tagebuch zu führen. Ich führe ein photographisches Tagebuch über das, was ich sehe, und mache zu beliebigen Zeitpunkten Bilder. Ich bin nur Zeuge von Dingen, die meinen Blick auf sich ziehen.

 

Früher Erreichtes zählt nicht im mindesten, und alles muss erneut infrage gestellt werden. Nur so bewahrt man sich in der Arbeit einen unverbrauchten Blick.

 

Für den Photographen ist Geometrie die Abstraktion und die bereitgestellte Struktur. Realismus ist das Fleisch und Blut, das sie zum Leben erweckt. Trotzdem darf das Bild nie geplant sein. Man muss beide Elemente intuitiv erkennen.

 

Das Bild projiziert die Persönlichkeit des Photographen. Deshalb gibt es in unserer Arbeit keine Konkurrenz. Die einzige Konkurrenz besteht vielleicht bei der Vermarktung.

 

Wir machen keine Werbung; wir sind Zeugen des Flüchtigen.

 

Es ist eine Obsession, das ist alles. Und es ist, wie mir ein alter Freund einmal sagte, un dur plaisir – ein anstrengendes Vergnügen. Ich glaube, man muss Dinge mit Leidenschaft tun.

 

Darin liegt die Poesie der Lebenswirklichkeit.

 

[…] Freunde sagen mir, es sei sehr komisch, mich bei der Arbeit zu sehen: im Sprung, auf Zehenspitzen, wenn ich mich an Leute heranpirsche oder mich zurückziehe. Manchmal kriegen es die Leute gar nicht mit. Ein andermal merken sie es, dann muss man warten und woandershin schauen und hoffen, dass sie ihre Tätigkeit wieder aufnehmen.

 

Es ist, als hätte man einen Stein ins Wasser geworfen. Manchmal muss man warten, bis sich alle Wellen gelegt haben, bis die Fische zurückkommen. […] Man muss sich auf Zehenspitzen nähern.

 

Man kann Kontaktbögen damit vergleichen, wie man einen Nagel in ein Brett schlägt. Zuerst macht man ein paar leichte Klopfer, um einen Rhythmus aufzubauen und den Nagel auszurichten. Dann schlägt man, viel schneller und mit so wenigen Schlägen wie möglich, dem Nagel mit Kraft auf den Kopf und treibt ihn ins Holz.

 

Die photographische Komposition hat etwas Notwendiges, und deshalb gibt es an einem guten Bild nichts zu beschneiden.

 

Ist es kein gutes Bild, kann man sich zwar mit ihm in die Dunkelkammer begeben, aber es ist nicht zu retten.

 

Zynismus ist, glaube ich, das Schlimmste, weil er alles zerstört.

 

Solange menschliche Wesen am Leben sind, solange es echte, existentielle, wichtige Probleme gibt und jemand den Wunsch verspürt, ihnen mit Einfachheit und Aufrichtigkeit oder mit Komik und Humor Ausdruck zu verleihen, haben Photographen ihren Platz, so wie Dichter und Romanciers.

 

Für mich besteht Photographie im gleichzeitigen blitzschnellen Erkennen der inneren Bedeutung einer Tatsachen einerseits, und auf der anderen Seite des strengen und rückhaltlosen Aufbaus der optisch erfassbaren Formenwelt, die jene Tatsache zum Ausdruck bringt.

 

… im Gespräch mit Yvonne Baby (1961)

 

Ein Photograph darf nicht rennen, er muss gehen, und zwar unermüdlich.

 

Die Photographie ist meine Art des Zeichnens. Die Kamera dient mir als mechanisches und optisches Instrument, um das Offenkundige zu erkennen. […] Man darf weder manipulieren noch schummeln.

 

Unser Erfolg hängt von unserer Schnelligkeit ab, von Hellsichtigkeit und von Fachkenntnissen, aber jedes Mal, wenn ein Bild zu gewollt und geplant ist, verfängt es sich im Klischee.

 

Ich beschneide Photos nie; wenn ich einem einen neuen Ausschnitt verpassen musste, dann ist es schlecht, und nichts könnte es verbessern. Die einzige Möglichkeit wäre gewesen, ein weiteres Bild im rechten Moment am rechten Ort zu machen.

 

Auch der Abstand ist sehr wesentlich für uns, und je nach Gegenstand hat das einen ähnlichen Einfluss auf dessen Wirkung, wie wenn ich eine Stimme von nah oder von fern höre.

 

Es erscheint mir unmöglich, in der Auseinandersetzung mit einer sich ständig wandelnden Wirklichkeit den Widerspruch zwischen Inhalt und Farbe aufzulösen. Daher mache ich lieber in Schwarzweiß weiter, weil es eine Ästhetisierung mit sich bringt.

 

Ich habe nie mit Blitz gearbeitet, das käme mir so vor, als würde ich in einem Konzert einen Revolverschuss abgeben.

 

Die Gefahr des Anekdotischen oder Pittoresken umgehe ich, letzteres bekommt man leicht und es ist immerhin ehrwürdiger als reine Effekthascherei, aber dennoch schlecht.

 

Jedermann kann Photos machen. In der Herald Tribune habe ich welche gesehen, die ein Affe mithilfe einer Polaroid geschossen hat, und sie waren nicht schlechter als die mancher Kamerabesitzer. Gerade weil unser Beruf jedermann zugänglich ist, bleibt er trotz seiner faszinierenden Einfachheit schwierig.

 

Wenn man mich nach der Rolle des Photographen in unserer Zeit fragt, nach der Macht der Bilder usw., gebe ich lieber keine großen Erklärungen ab; ich weiß nur, dass die Menschen, die sehen können, genauso selten sind wie die, die zuhören können. Sehr viele hängen in ihren Vorurteilen fest …

 

Es ist schön, einen Maler zu beobachten, der lange sein Bild betrachtet …

 

Man muss leicht bepackt sein (ich bin immer mit derselben Kamera unterwegs, nur auf Reportagen nehme ich noch zwei Objektive mit) und auf Samtpfoten daherschleichen: beim Angeln rührt man das Wasser ja auch nicht auf.

 

Photographie ist wirklich eine Manie für mich, eine Obsession, ich bin ein Fanatiker.

 

Große Bilder sind selten, und wenn man mich fragt, wie viele Photos ich pro Tag mache, kann ich nur antworten: „Wie viele interessante Dinge sind Ihnen heute zu Ohren gekommen, und haben Sie alle aufgeschrieben?“ Ich glaube nicht an Inspiration.

 

… im Gespräch mit Sheila Turner-Seed (1973)

 

Manche Photographien sind wie eine Novelle von Tschechow oder Maupassant. Sie sind flüchtig und enthalten eine ganze Welt.

 

Photographie, so wie ich sie verstehe, ist Zeichnung. Eine unmittelbare Skizze aus der freien Hand, mit Intuition gemacht, und man kann sie nicht korrigieren.

 

Was […] die Photographie angeht, bin ich zu niemandem zu Dank verpflichtet, außer einem Bild des ungarischen Photographen [Martin] Munkácsi, auf dem die drei Kinder an einem Strand in eine riesige Welle laufen. Es ist schlichtweg perfekt: die Relationen, die Komposition, die Bewegung.

 

Die besten Bilder in The Decisive Moment sind sofort entstanden, nach zwei Wochen. […] Darum ist Lehren und Lernen unsinnig. Man muss leben und schauen. All diese Photoschulen sind Bluff.

 

Ich weiß nicht, ob Photographie eine Kunst ist oder nicht. Ich sehe, dass Kinder wunderschön malen, und dann geht in der Pubertät manchmal eine Klappe zu. Dann dauert es ein ganzes Leben, das wiederzuerlangen – nicht die Reinheit eines Kindes, weil man die nie wiedererlangt, sobald Erkenntnis einsetzt, sondern die Eigenschaften eines kleinen Kindes.

 

… im Gespräch mit Yves Bourde (1974)

 

Später, 1927 bis 1928, wurde ich von André Lhote unterrichtet. […] Sein Buch Traité du paysage et de la figure ist ein Grundlagenwerk. Er pflegte zu sagen: „Wenn man über Instinkt verfügt, darf man arbeiten.“

 

Man muss den Blick unablässig trainieren, in einer Art Tanz zwischen Bewusstem und Unbewusstem das Gleichgewicht finden, unmittelbar, automatisch und intuitiv zeichnen.

 

Und der ganze Schmutz, den die Welt aktuell hervorbringt, zieht eine derartige Bilderflut nach sich!

 

Die einzige Tätigkeit, die mich außer dem Photographieren am Herzen liegt, ist das Hängen von Ausstellungen.

 

All diese gestellten Bilder, diese Inszenierungen, ohne den geringsten Sinn für die Form, die Dialektik, dieses Erbe der Mode und der Werbung, die Photographien von Avedon, Sudre, David Hamilton, Diane Arbus, Duane Michals, die neuen Arbeiten von Bruce Davidson und was weiß ich noch alles. […] Sie passen in eine Welt ohne Sex, ohne Sinnlichkeit, ohne Liebe. Sie sind Skatologen und Koprophagen und photographieren ihre Ängste und Neurosen.

 

Es ist notwendig zu kopieren und wir alle kopieren, aber man muss die Natur kopieren – und wenn wir zum zweiten Mal auf den Auslöser drücken, beschreiben wir uns selbst.

 

Wer hat in der Renaissance geschrieben: „Es trete niemand hier ein, der nicht der Geometrie kundig ist“?

 

Die Farbe gehört für mich in den Bereich der Malerei.

 

[…] der Ingenieur [Stefan] Kudelski hat mich in diesem Zusammenhang auf einen interessanten Gesichtspunkt hingewiesen, dass nämlich das Auge etwas Farbiges viel schneller erfasst. […] Emotion finde ich in der Schwarzweiß-Photographie: da findet eine Überschreitung statt, eine Abstraktion, man verlässt die „Normalität“.

 

Die Wirklichkeit ist ein chaotischer Strudel, und innerhalb dieser Wirklichkeit muss man eine Auswahl treffen, die in ausgewogener Art und Weise Inhalt und Form ordnet.

Farbfotos wirken wie kastriert, sie erfreuen nur Händel und Magazine.

 

[Yves Bourde] Was halten Sie von Photoschulen? [Henri Cartier-Bresson] Gar nichts. Reportagetechniken lernt man ganz schnell. […] Eine Kamera ist nicht komplizierter als eine Schreibmaschine.

 

Ein Photo ist letztendlich nichts anderes als ein Akt der Intelligenz.

 

Man ist letztlich, was man isst. Dagegen ziehen es andere vor, sich über ihre Ausscheidungen zu definieren.

 

An den [Photo-]Schulen wird alles Mögliche unterrichtet, damit man ein gut funktionierender Bestandteil des Räderwerks wird. Aber ob man auch das Sehen lernt …

 

… im Gespräch mit Alain Desvergnes (1979)

 

Es braucht enorm viel Zeit, sehen zu lernen. Einen Blick, der Gewicht hat, Fragen stellt.

 

[…] was mich bewegt, was mich begeistert, ist der Blick auf das Leben, eine Art fortwährende Befragung mit sofortiger Antwort.

 

Diese Art der Photographie ist eine intuitive Angelegenheit, die sich an die Realität haftet und aus dem tiefen, eigenen Inneren kommt; es geht nicht darum, sich aufzudrängen.

 

[…] ich fühle mich solidarisch mit denen, die etwas entdecken wollen; für mich gibt es dabei viel mehr Risiken als beim Versuch, frei erfundene Bilder zu produzieren; und schließlich ist die Realität so reich.

 

Ich gebe keine Erklärungen ab. Meine Photos sind da, ich kommentiere meine Photos nicht, ich habe nichts zu sagen. Man redet viel zu viel, man „denkt“ viel zu viel.

 

Es gibt Schulen für alles, in denen man nichts lernt, und am Ende weiß man gar nichts. Es gibt keine Schulen der Sensibilität. So etwas existiert nicht.

 

Denn das Wunderbare an der intuitiven Photographie, der spontanen Photographie ist diese persönliche Reaktion, diese vitale Reaktion, wo man ganz bei sich ist und sich gleichzeitig vergisst, um die Realität zu befragen oder zu versuchen, sie zu verstehen.

 

Die Malerei ist ein Mittel der Erkenntnis, die Dichtung, die Photographie, es gibt nicht nur die Wissenschaft.

 

Ich glaube, es war Rodin, der gesagt hat, die Zeit respektiert, was wir mit ihr machen.

 

Es hat etwas Anstößiges, Menschen zu photographieren, es ist wie eine Vergewaltigung, keine Frage. Wenn die Sensibilität fehlt, hat es etwas Barbarisches, man reißt etwas aus.

 

Wenn Leute nicht photographiert werden wollen, muss man das respektieren. Mittlerweile ist es ungeheuer kompliziert, man muss beinahe einen Anwalt dabei haben.

 

Ein Photo macht man nicht, man nimmt es sich.

 

Ein Photo nach meinem Geschmack ist schwarzweiß, weil es sich um eine Übersetzung handelt. Es hat einen extrem hohen Abstraktionsgrad und sehr starke emotive Kraft.

 

Farbe schmeichelt immer ein bisschen, hat aber nicht dieselbe Abstraktionskraft wie Schwarzweiß. Und die Probleme, die sich mit den Farben stellen, wenn man das Auge eines Malers hat, lassen sich in der Photographie nicht bewältigen.

 

… im Gespräch mit Gilles Mora (1986)

 

Meine Leidenschaft ist der photographische „Schuss“, eine beschleunigte Form des Zeichnens, er entsteht aus Intuition und einem Sinn für bildhauerische Ordnung, der bei mir von häufigen Besuchen in Museen und Galerien kommt, vom Lesen und von der Lust auf die Welt.

 

Genau in dieser Zeit habe ich die Leica entdeckt, sie wurde mein perfektes Instrument für das beschleunigte Zeichnen […].

 

Photographiert man aber zu viel, droht der Kontaktabzug zu einem Sammelbecken für Abfall zu werden. Man muss schon viel Sand sieben, um ein Nugget zu finden.

 

Das Bildermachen ist eine Art Mittelding zwischen Taschendiebstahl und Seiltanz. Ein ewiges Spiel, das mit einer enormen Spannung verbunden ist.

 

Diese Anbetung der Technik, die zunehmende Beschleunigung, wirken auf mich wie eine Flucht nach vorn, die mehr und mehr Missklänge mit sich bringt.

 

Beim Photographieren befindet man sich sozusagen immer auf dem Wellenkamm, wie ein Surfer, der gegen die Zeit kämpft.

 

… im Gespräch mit Philippe Boegner (1989)

 

Schauen Sie sich bestimmte Photographien von heute an, sie denken, suchen, wollen, man spürt die Neurose unserer heutigen Zeit … aber visuelle Freude, die spüre ich bei ihnen nicht. Man spürt Sorgen, manchmal die morbide Seite einer Welt, die ihren eigenen Untergang betreibt.

 

Warum bin ich bekannt? Absurde Frage! Was zählt im Leben, ist die Erfahrung, ist bestimmte Personen kennengelernt zu haben, bei bestimmten Dingen dabei gewesen zu sein.

 

De Gaulle hat gesagt: „Für Photographen gilt dasselbe wie für Artilleristen: genau zielen, schnell schießen und abhauen.“

 

Für mich bringt es nichts, wenn die Photographie anfängt, die Malerei zu imitieren – was sie im vergangenen Jahrhundert getan hat.

 

Wahre Photographie ist an die Entdeckung des kleinen Apparats geknüpft. Ich füge hinzu, um eine guter Photograph zu sein, muss man Kultur haben, zumindest Proust und Saint-Simon gelesen haben – die hatten einen Blick!

 

Einmal, ich weiß nicht mehr wo, hat man mich gefragt, was ich von der Leica halte, und ich sagte, sie könne ein dicker, heißer Kuss sein, aber auch ein Schuss aus dem Revolver, oder die Couch eines Psychoanalytikers.

Keine Konkurrenz, Konkurrenz ist Unfug, eine Plage unseres Zeitalters. Wir sind keine Rennpferde und ich sage Ihnen, Sport ist mir ein Graus.

 

… im Gespräch mit Pierre Assouline (1994)

 

Die Journalisten wollen einem das letzte Hemd ausziehen, aber sie geben im Gegenzug nichts von sich preis.

 

Heute schauen die Künstler zu wenig. Sie denken zu viel. Das führt zu Akademismus, der angeblich Avantgarde ist.

 

Man muss den Augenblick ausleben, es ist das einzige Mittel, in dem, was man tut, präsent zu sein. Daher meine Leidenschaft für die Leica. Sie ist die Kamera, die den Augenblick begünstigt. Spiegelreflexkameras sind laut, sie stören, das ändert alles. Die Rolleiflex zwingt uns, die Leute mit dem Bauchnabel zu betrachten, das ist lästig.

 

Drei Jahre lang habe ich meine eigenen Photos praktisch nicht gesehen, außer per Zufall in den Zeitschriften. Ich habe photographiert und die Filme an die Agentur Magnum geschickt. Das Ergebnis interessiert mich nicht. In der Photographie bin ich Vegetarier. Wie ein Jäger, der sein Wild nicht isst.

 

Die Komposition beruht auf Zufall. Ich kalkuliere nie. Ich ahne eine Struktur und warte, dass sich etwas ergibt. Es gibt keine Regel. Man darf nicht zu sehr versuchen, das Geheimnis zu erklären. Es ist besser, verfügbar zu sein […].

 

[Pierre Assouline] Und das ideale Objektiv? [Henri Cartier-Bresson] Das 50mm. Nicht das 35mm, es ist zu groß, zu weit. Damit halten alle Photographen sich für Tintoretto. Es verzerrt, selbst wenn alles scharf ist. Mit 50mm wahrt man eine gewissen Distanz. […] Wenn man das Auge eines Malers hat und eine visuelle Grammatik, arbeitet man mit 50mm, ohne auch nur daran zu denken, dass man mit 35mm mehr Raumtiefe gewänne.

 

Solange wir auf der Welt sind, sind wir alle aus derselben Generation! Man ist solidarisch, solange man lebt und die Füße auf dieselbe Erde setzt. Mir graut vor dieser Trennung der Lebensalter so sehr wie vor religiösen Fundamentalisten.